Kältemittel R1234yf: KBA vermeldet erhöhtes Sicherheitsrisiko - weitere Untersuchungen werden dringend empfohlen - UPDATE

Diskutiere Kältemittel R1234yf: KBA vermeldet erhöhtes Sicherheitsrisiko - weitere Untersuchungen werden dringend empfohlen - UPDATE im Aktuelles Forum im Bereich AutoExtrem; 06.11.2013, 14:45 Uhr: Seit Monaten schwelt um ein neues Kältemittel für Klimaanlagen, das unter der Bezeichnung R1234yf bekannt ist, eine...
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geronimo

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06.11.2013, 14:45 Uhr:
Seit Monaten schwelt um ein neues Kältemittel für Klimaanlagen, das unter der Bezeichnung R1234yf bekannt ist, eine Diskussion über die Sicherheit. Auslöser waren Crashtests von Mercedes, nach denen sich Fahrzeuge mit dem neuen Mittel entzündet hatten, wodurch hochgiftige Flusssäure entsteht. Nach einer Weigerung des Autobauers, seinen gesetzlichen Verpflichtungen in Bezug auf den Einsatz von R1234yf nachzukommen, hatte das Kraftfahrtbundesamt (KBA) eigene Untersuchungen vorgenommen. Der jetzt veröffentlichte Abschlussbericht weist in aller Deutlichkeit auf ein erhöhtes Risiko beim Einsatz des Mittels hin, liefert aber auch Argumente für die beiden Hersteller des Mittels



Das KBA hatte in den eigenen Tests insgesamt 22 Versuche in drei Stufen durchgeführt, wobei jeweils gesteigerte Schäden simuliert wurden. In Stufe 1 und 2 konnte nach einem Unfall keine Gefährdung durch das neue Mittel festgestellt werden. Dabei handelte es sich um Tests, wie sie auch den Normen der Produktsicherheit entsprechen. In Stufe 3 wurde aber über die Norm hinausgegangen, indem beispielsweise eine mögliche Alterung der Materialien, höhere Aufprallgeschwindigkeiten als die durchschnittlichen 40 km/h oder höhere Motortemperaturen bei aufgeladenen Aggregaten berücksichtigt wurden. Diese 3. Stufe diente "einer allgemeinen Risikoabschätzung", um zu überprüfen "ob die derzeitigen Sicherheitsanforderungen ausreichend sind".

Bei den Tests der Stufe 3 kam es in zwei Fällen "zur vollen Entflammung im Motorraum", wobei im Motorraum "erhebliche Mengen an Fluorwasserstoff gemessen" wurden. Bei zwei weiteren Versuchen kam es "zur Messung von Fluorwasserstoffkonzentrationen in nicht vernachlässigbarer Größenordnung". Das Gefährdungspotenzial der sogenannten Flusssäure beschreibt Wikipedia mit drastischen Worten:
Flusssäure ist ein starkes Kontaktgift. Ihre Gefährlichkeit wird dadurch erhöht, dass sie wegen ihrer hohen Lipidlöslichkeit von der Haut sofort resorbiert wird. Dadurch ist eine Verätzung tieferer Gewebeschichten und sogar der Knochen möglich, ohne dass die Haut äußerlich sichtbar verletzt ist. Durch sofortiges Unterspritzen des kontaminierten Gewebes mit Calciumgluconat-Lösung kann einem tieferen Eindringen entgegengewirkt werden.

Eine handtellergroße Verätzung durch 40-%-ige Flusssäure ist in aller Regel durch resorptive Giftwirkung tödlich. Besonders gefährlich ist, dass ein warnender Schmerz oft erst mit einer Verzögerung von mehreren Stunden auftritt. Schmerzstillende Mittel, selbst Betäubungsmittel wie Morphin und Fentanyl, sind hierbei fast wirkungslos.

Neben der ätzenden Wirkung trägt zur Gefährlichkeit von Flusssäure bei, dass die Fluoridionen den Calcium- und Magnesiumstoffwechsel blockieren und wichtige Enzyme hemmen. Dies führt zu akut bedrohlichen Stoffwechselstörungen, die unter multiplem Organversagen tödlich verlaufen können. Flusssäure schädigt auch das Nervensystem.
Das KBA weist darauf hin, dass die gemessenen Konzentrationen "als kritisch einzuschätzen" sind, sofern "ein Mensch diesen Konzentrationen ausgesetzt wird und diese einatmet". Eine Belastung im Innenraum der geschädigten Fahrzeuge sei zwar nicht festgestellt worden, jedoch wurde die Messung aufgrund des Messprinzips nur bis ca. 30 Sekunden nach dem Eintreten des Schadens durchgeführt. Ein Gegenversuch mit dem bisherigen Kältemittel R134a "führte weder zum Brand noch zu einer signifikanten Fluorwasserstoffbildung, noch zu einem anderen Gefahrenereignis".

In seinem Fazit kommt das KBA zu dem Schluss, dass "das generelle Sicherheitsniveau von Kraftfahrzeugen durch den Einsatz von R1234yf tendenziell verschlechtert wird". Damit stehe "der Einsatz von R1234yf im Widerspruch zu den intendierten europäischen Zielen der Verringerung der Gefährdungen im Straßenverkehr". Die Behörde betont allerdings auch, dass es in Bezug auf die Normen des Produktsicherheitsgesetzes "keine hinreichenden Nachweise" zu einer Gefährdung gebe, die ein Eingreifen des "KBA als Produktsicherheitsbehörde" anzeigen würden. Diese Einschätzung dürfte so ziemlich die einzige positive Nachricht für DuPont und Honeywell als einzige Hersteller von R1234yf sein, die der Bericht zu bieten hat.

Auf Grund der Ergebnisse in Stufe 3 wird nämlich "mit Nachdruck empfohlen, die Umstände weiter zu untersuchen" - was im Behördenjargon schon eine sehr deutliche Ansage ist. Zudem fordert das KBA, dass darüber nachgedacht werden sollte, die "Erkenntnisse zukünftig in das Genehmigungsverfahren von Fahrzeugen" einfließen zu lassen und auch gesetzliche Regelungen zu den Sicherheitsanforderungen der Klimaanlagen zu erlassen. Die Europäische Kommission sei über die Empfehlungen informiert worden. Bei Daimler in Stuttgart dürfte man sich nach diesem Bericht in seiner Meinung bestärkt sehen, dass Fahrzeuge der Marke Mercedes auch weiterhin nicht mit dem neuen Kältemittel befüllt werden. Dafür hatte der Konzern sogar Millionenstrafen der EU sowie ein Zulassungsverbot verschiedener Modellreihen in Kauf genommen, was in Frankreich sogar verhängt und später gerichtlich wieder aufgehoben worden war.

Die beiden Abschlussberichte lassen sich als pdf-Dokument über die Homepage des KBA herunterladen.

Update, 15.11.2013, 10:52 Uhr: Auf Grund der Empfehlungen des KBA, das Brandpotenzial und die mögliche Gesundheitsgefährdung durch R1234yf weiter zu untersuchen, wird sich die EU-Kommission erneut mit dem umstrittenen Kältemittel beschäftigen. Wie die AutoBild berichtet, wird die Kommission weitere Untersuchungen zur Gefährlichkeit des Kältemittels durchführen.

Unterdessen hat Mercedes seine Pläne in Bezug auf das weitere Vorgehen bei seinen Klimaanlagen konkretisiert. Unabhängig von der erteilten Ausnahmegenehmigung des KBA anstelle von R1234yf weiterhin das ältere Mittel R134a einzusetzen, ist der Hersteller ab 1. Januar 2017 zwingend zu einer Alternative verpflichtet, da R134a ab diesem Zeitpunkt generell in allen Neuwagen verboten ist. Bis dahin will Mercedes aber Klimaanlagen mit dem Kältemittel CO2 zur Serienreife gebracht haben und in allen seinen Neufahrzeugen einsetzen. Dies erfordert allerdings deutliche konstruktive Änderungen an den bisherigen Anlagen, da diese bei Befüllung mit CO2 deutlich höheren Drücken standhalten müssen. Bei der Verwendung von R1234yf können die bisherigen Anlagen ohne Umbauten genutzt werden.
 
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