Volkswagen Diesel: Fahrverbot soll durch Software-Update verhindert werden - Kommentar - UPDATE

07.08.2017 14:03 Uhr | geronimo

21.07.2017, 16:12 Uhr:
In Zahlreichen Städten drohen mehr oder weniger ausgedehnte Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge, wovon auch vermeintlich umweltfreundliche Motoren der Schadstoffklassen Euro 5 und Euro 6 betroffen sein könnten. Im Volkswagen-Konzern will man das Problem (wieder einmal) mit einem Eingriff in die Fahrzeugsteuerung erledigen. Die bislang bekannt gewordene Stückzahl bei Audi zeigt zudem, dass das eine Herkules-Aufgabe werden wird

Ein wichtiger Schritt für den Umweltschutz, letztes Aufbäumen einer sterbenden Technologie oder schlicht blanker Aktionismus – die Meinungen zu dem, was Audi jetzt auch stellvertretend für VW und Porsche angekündigt hat, gehen weit auseinander. Das Unternehmen bietet nämlich jetzt eine freiwillige Nachbesserung für V6 und V6 TDI-Dieseldirekteinspritzer an, bei der eine geänderte Software dafür sorgen soll, dass „das Emissionsverhalten im realen Fahrbetrieb jenseits der bisherigen gesetzlichen Anforderungen weiter verbessert“ wird, um „den Dieselmotor für die Kunden zukunftsfähig zu halten“.

Bei Audi betont man, dass die Maßnahme in enger Abstimmung mit dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) erfolgt und tatsächlich das Ziel hat, „möglichen Fahrverboten entgegenwirken“. Dabei ist die Maßnahme äußerst umstritten. Das fängt allerdings beim Nutzen an, denn nicht wenige Experten betonen immer wieder den (sehr) geringen Anteil des Dieselausstoßes im Relation zur gesamten Schadstoffmenge. Dass dies nicht ganz von der Hand zu weisen ist, zeigt sich unter anderem in Hamburg und Köln. In der Elbstadt dürfen große Container- und Kreuzfahrtschiffe, die mit Schweröl befeuert werden und komplett ohne Abgasreinigung unterwegs sind, bis in den an der City gelegenen Hafen fahren, und westlich der „Hauptstadt des Frohsinns“ stehen die größten Braunkohlekraftwerke Europas mit unzureichenden und teilweise veralteten Filteranlagen – und trotzdem droht in beiden Städten ein Fahrverbot für bestimmte Diesel-Pkw, was die Situation kaum verbessert, da diese nur relativ wenig zur lokalen Verschmutzung beitragen.

Auf der anderen Seite darf aber auch an einer eklatanten Verbesserung der Abgas-Werte durch das Software-Update gezweifelt werden. Skeptiker merken zu recht an, dass Volkswagen die Software doch schon längst verwenden würde, wenn diese so viele Probleme beseitigt. Und zudem gilt nach wie vor die Meinung, dass echte Verbesserungen ohnehin nur durch Änderungen an der Hardware erzielt werden können, die sich aber kaum umsetzen lassen. Doch nicht nur das: unter dem Motto „never change a running system“ müssen sogar Nachteile befürchtet werden, wie unter anderem jüngste Berichte aus Großbritannien im Rahmen der Dieselgate-Nachbesserung zeigen.

Unter Berücksichtigung dieser Aspekte wird es schwer werden, die Kunden von einer freiwilligen Umrüstung zu überzeugen, auch wenn die Notwendigkeit aller möglichen Maßnahmen für den Umweltschutz kaum jemand bezweifelt. Immerhin stehen möglichen Nachteilen wie geringerer Leistung und/oder höherer Verbrauch nicht gegebene Garantie-Zusagen und wohl kaum zu erwartende Kulanz gegenüber. Bei Volkswagen könnte man das Update aber durch die Hintertür aufzwingen, nämlich im Rahmen einer Inspektion. Das geht aber nur, falls die Fahrzeuge überhaupt noch eine Vertragswerkstatt von innen sehen. Doch nicht nur der Unwillen der Kunden könnte ein Bremsklotz sein, sondern auch die Stückzahl: bei Audi sollen 850.000 Fahrzeuge das Angebot zur Umrüstung nutzen können. VW und Porsche haben zwar noch keine Zahlen genannt, doch am Ende könnte die Marke von zwei Millionen Autos „in Europa und anderen Märkten“ durchaus überschritten werden. Und das zusätzlich zu den Millionen Autos, die wegen des Abgas-Skandals nachgebessert werden müssen.

In den USA und Kanada wird die Aktion übrigens nicht angeboten. Wenn das mal nicht Luft für „Verschwörungstheorien“ lässt, getreu dem Motto „die nordamerikanischen Behörden hätten den VW-Verantwortlichen eine solche Idee achtkantig um die Ohren gehauen“.

Update, 07.08.2017, 16:03 Uhr: Inzwischen ist bekannt, dass der Volkswagen-Konzern ein Software-Update für insgesamt 2,5 Millionen Fahrzeuge plant. Auf dem sogenannten Diesel-Gipfel in der vergangenen Woche haben sich die Hersteller BMW, Mercedes und Opel zu ähnlichen Maßnahmen verpflichtet und wollen ihrerseits weitere 2,8 Millionen Fahrzeuge umrüsten, so dass am Ende 5,3 Millionen Autos „sauber“ dastehen sollen. Zudem haben die teilnehmenden Fahrzeugproduzenten Garantiezusagen gemacht. Doch das alles ruft deutlich mehr Kritik als Lob hervor.

Das fängt bereits mit den oben beschriebenen Nachteilen auf diversen Gebieten an. Kaum jemand glaubt daran, dass plötzlich die Quadratur des Kreises in Form von weniger Schadstoffen ohne sonstige Nebenwirkungen möglich sein soll, und diverse Erfahrungsberichte belegen dies. Zudem kommen für viele, vor allem für Betroffene, die Autohersteller viel zu günstig weg. Ohne entsprechende Hardware-Maßnahmen, die natürlich teuer sind, ergibt die Nachbesserung kaum einen Sinn, doch diese konnte oder vielmehr wollte die Bundesregierung den Konzernen nicht abringen. Ein weiterer Kritikpunkt sind die Aussagen zur Garantie, die bislang das Papier nicht wert sind, auf dem die Pressemitteilungen gedruckt werden. Es mangelt nämlich bisher an konkreten und vor allem rechtlich verbindlichen Garantiebedingungen, ohne die finanzielle und juristische Ansprüche nicht durchgesetzt werden können. Nach einem Blick in die Glaskugel kommt die Vorhersage, dass es solche Bedingungen nie geben wird. Oder dass sie so viele Ausnahmen erhalten, dass sie kaum jemand in Anspruch nehmen kann.

Doch es gibt noch weitere Kritikpunkte. Nämlich dass andere Unternehmen noch nicht einmal den oben genannten Weg gehen oder sich überhaupt einmal zu Abgaswerten und Maßnahmen äußern. Allen voran ist das Ford mit seinem Europasitz in Köln, die also quasi ein deutscher Hersteller sind. Dabei ist ausgerechnet der Ford Mondeo in einer Untersuchung als größter Umweltverschmutzer aufgefallen. Doch auch von Fiat und Nissan Renault, die in einer anderen Untersuchung die Spitzenplätze belegt haben, hört man nichts. Vielleicht ist das aber auch die richtige Taktik, denn bislang hat sich das KBA eher als Papiertiger erwiesen – und wenn man nichts tut, steht man auch eher weniger im Fokus.

Meinung des Autors

Neue Software, und aus einer "Umweltsau" wird ein Öko-Mobil. So in etwa klingt das, was Volkswagen jetzt mit dem Segen des Kraftfahrt-Bundesamtes vorhat. Bei einer solchen Story werden sogar Osterhase, Weihnachtsmann, Klapperstorch und Baron von Münchhausen neidisch, oder?

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