Tesla Model S: Soundsystem im Test - Schwächen bei digitalen Medien

26.01.2016 10:21 Uhr | geronimo

In den vergangenen Tagen haben wir das Elektroauto Model S des amerikanischen Herstellers Tesla auf eine langen Ausfahrt ausführlich getestet. Dabei konnte auch der in diversen Tests hochgelobte aufpreispflichtige „Ultra High Fidelity Sound“ begutachtet werden. Leider konnte das System längst nicht so begeistern wie das restliche Fahrzeug

Üblicherweise läuft die Entwicklung eines Soundsystems für ein modernes Auto so: der Hersteller bringt das mehr oder weniger fertig entwickelte Fahrzeug zum Hifi-Unternehmen seiner Wahl, wo man schaut, wie man unter den gegebenen Voraussetzungen einen guten Klang realisiert. Beim von uns getesteten Tesla Model S ist man einen anderen Weg gegangen und hat bereits bei der Entwicklung des Model S eng mit den Soundexperten des deutschen Herstellers Sinn zusammengearbeitet. Der Entwicklungschef von Sinn hat dies so formuliert: „Wir konnten mitbestimmen, wie dick das Türblech sein muss und wo Versteifungen hingehören. Sag so was mal einer deutschen Firma, dann fliegst du aber sofort raus.“. Tesla selber beschreibt die Möglichkeiten des 2.300 Euro Soundsystems teuren so:

Verwandeln Sie den Fahrzeuginnenraum in eine Konzerthallen ähnliche Umgebung mit 12 präzis ausgerichteten Lautsprechern die den perfekten Sound wiedergeben und diesen direkt in die Ohren der Fahrzeuginsassen übermitteln.

Dazu sind „12 Lautsprecher mit Neodym-Magneten einschließlich eines 8-Zoll Subwoofers“ im Fahrzeug verbaut, die von einer digitalen Endstufe angetrieben werden. In einem Vergleichstest der auto, motor und sport „zieht das Sinn-System bei der reinen Klangbewertung gleich“ mit den 6.000 Euro Soundsystem von Bang & Olufsen aus Dänemark, das in einem Audi A7 verbaut ist.

Klang:

Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen an das, was im Model S geboten wird. Und leider wurden diese fast durch die Bank enttäuscht. Zumindest dann, wenn man Musik im MP3-Format von verschiedenen Quellen abspielt. So ist es natürlich ein toller Service, kostenlos Musik über den Streaming-Dienst Spotify zu bekommen, doch ein klangliches Vergnügen ist das nur selten. Vor allem dort, wo der Empfang nur mäßig ist, wird Kompression offenbar soweit erhöht, dass der gebotene Sound nach einem Kofferradio längst vergessener Tage klingt. Doch selbst dann, wenn gutes Mobilfunknetz verfügbar ist, fehlt dem Klang zumeist ein ausgewogenes und vor allem ernstzunehmendes Bassfundament, und bei den Höhen wird deutlich mehr Feinauflösung und Klarheit vermisst. Nicht viel anders sieht es aus, wenn auf dem iPhone gespeicherte Musik wiedergegeben wird. Dieses wird bei Verwendung des Apple-Ladekabels nicht als physikalisches Laufwerk erkannt, weswegen Bluetooth als Verbindung herhalten muss. Obwohl die meisten Stücke mit 320 kbit/s durchaus hochwertig komprimiert waren, litten sie unter den gleichen Defiziten wie beim direkten Streaming aus dem Internet: fehlender, substanzloser Bass und belegte Höhen. Ich weiß, dass diese Stücke deutlich besser klingen (können).

Verschärft wird die Situation dadurch, dass in der Anlage des Model S kein Laufwerk für CDs, DVDs oder gar Blu Rays verbaut ist. Somit ist es nicht möglich, einfach in die heimische Musiksammlung zu greifen – die bei diversen Tesla-Fahreren alleine aufgrund des Alters vorhanden sein dürfte – und Musik von einem physikalischen Datenträger in bester Qualität zu hören. Dabei hätte ich eine große Auswahl an hochwertigen Quellen im Angebot, etliche davon auf DVD mit 5.1 Surround Sound, den das Soundsystem ja theoretisch wiedergeben kann. Abhilfe hätte also nur ein USB-Stick geschaffen, auf dem die Musik in digitaler Form gespeichert ist. Eigene CDs müssen dafür in MP3 umgewandelt werden, bei den erwähnten DVDs ist dies jedoch oftmals gar nicht (oder nur mit viel Aufwand und unter Umgehung des Kopierschutzes) möglich. Eine Alternative stellen Offline-Angebote von Streaming-Plattformen dar, doch auch hier muss unter Umständen mit einer Einschränkung der Klangqualität aufgrund der Kompression gerechnet und oftmals auf Angebote in Surround-Sound verzichtet werden. Auch hochauflösendes und unkomprimiertes Material ist nur schwer und eingeschränkt zu bekommen. Am Ende verschenkt Tesla leider die Möglichkeiten der Anlage, sofern man als Nutzer nicht speziell vorbereitet ist. Und so mutet es fast schon ironisch an, dass von allen mir zur Auswahl stehenden Quellen das gute alte analoge UKW-Radio fast noch den besten Klang aufzuweisen hatte.

Einstellungen:

Wer jetzt meint, dass sich vielleicht etwas über die Einstellungen des Soundsystems retten lässt, sieht sich getäuscht. Diese bieten lediglich rudimentäre Funktionen, die einem so hochwertigen System nicht angemessen sind. Beim Klang gibt es lediglich die altbekannten und einfachen (digitalen) Schieberegler für Bässe, Höhen und Mitten – die Auswirkungen sind entsprechend beschränkt. Zudem lässt sich über Fader und Balance-Regler der zentrale Hörpunkt verschieben. Zu guter Letzt kann noch zwischen Dolby Surround Ein und Aus gewählt werden. Das war es! Equalizer auf mehreren Frequenzen, Soundprogramme, Klangverbesserer für komprimierte Dateien, Loudness-Funktion oder Bassanhebung, regulierbare automatische Lautstärkenanpassung – all so etwas fehlt vollständig. Und so kann man als Nutzer auch nur wenig oder eigentlich fast gar nichts tun, um die oben beschriebenen Defizite auszugleichen.

Fazit:

Am Ende bleibt ein fader Beigeschmack, dass die Anlage zu den zwar besten auf dem Markt gehören mag – aber nur dann, wenn man selber für gutes Quellmaterial auf dem passenden Datenträger sorgt. Andernfalls muss mit deutlichen Einschränkungen beim Klang gelebt werden, was die Investition in das „Ultra High Fidelity Sound“-Paket zu einem fragwürdigen Vergnügen macht. Hier zeigt sich ganz klar, dass der Verzicht auf die althergebrachten Datenträger im Scheibenformat deutlich zu früh umgesetzt wird. Das ist ja mittlerweile nicht nur bei Tesla der Fall, sondern betrifft beispielsweise auch Kleinwagen wie den von uns getesteten Skoda Fabia sowie zahlreiche weitere Modelle verschiedener Hersteller. In meinen Augen ist das eine falsche Politik, denn sie degradiert die hochwertigen und leistungsfähigen, aber auch sündhaft teuren Soundsysteme zu oft zu billig klingender Durchschnittsware. Bei Tesla wird die Situation durch die deutlich eingeschränkten Möglichkeiten zur Klangregulierung noch verschärft, hier besteht Nachholbedarf bei den Einstellmöglichkeiten.

Meinung des Autors

Das Tesla Model S hat laut Tests eines der besten, und gleichzeitig erschwinglichsten Soundsysteme im Angebot. In der Realität sieht das leider etwas anders aus, denn die Qualitäten lassen sich nur unter bestimmten Bedingungen nutzen - andernfalls klingt es nicht so dolle. Das ist schade, denn Abhilfe wäre eigentlich ganz einfach.

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