Lexus RC F: Coupé mit V8-Sauger und Heckantrieb im Langstrecken-Test - Teil 1

21.06.2017 14:24 Uhr | geronimo

Eigentlich ist Lexus für einen gewissen Luxus gepaart mit einer guten Portion Vernunft bekannt. In der letzten Zeit lässt es der noble Ableger von Toyota aber immer öfter auch mal krachen, wobei in den aktuellen Top-Modellen ein frei atmender Achtzylinder mit fast 500 PS zum Einsatz kommt. Wir hatten jetzt die Gelegenheit, dem luxuriösen Sport-Coupé gründlich auf den Zahn zu fühlen

Verschärfte Umweltnormen haben dem sogenannten Downsizing Tür und Tor geöffnet. Das betrifft auch die sportlichen Top-Modelle zahlreicher Hersteller, denn auch diese müssen inzwischen mit deutlich weniger Hubraum oder sogar weniger Zylindern auskommen, was durch Kompressor oder Turbolader ausgeglichen werden soll. Lexus hingegen setzt als einer der letzten Autobauer auf einen echten und gewaltigen Achtender, der ganz ohne Turbo vorfährt. Die entsprechenden Modelle werden mit einem „F“ für die hauseigene Rennstrecke Fuji Raceway gekennzeichnet. Die wichtigsten Daten des jetzt von uns ausführlich getesteten RC F lauten: 5 Liter Hubraum, 351 kW / 477 PS, 530 Nm Drehmoment, Achtgang-Direktschaltgetriebe, von 0 auf 100 km/h in 4,5 Sekunden und eine abgeregelte Höchstgeschwindigkeit von 270 km/h. Für unseren Fahrbericht stand uns ein Lexus RC F Carbon Edition zur Verfügung, bei dem die Motorhaube, das komplette Dach sowie der ausfahrbare Heckspoiler aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff gefertigt sind, und bei dem einige ansonsten aufpreispflichtige Extras an Bord sind. Der Listenpreis des Testfahrzeugs liegt bei rund 95.000 Euro. Da stellt sich natürlich die Frage, ob der Japaner diesen Betrag tatsächlich wert ist.

Erster Eindruck:

Eigentlich hat der RC F gute Voraussetzungen, überall aufzufallen. Eine Front mit gewaltigem und auffälligem Kühlergrill, ein Heck mit vier Endrohren und großem Diffusor, und dazwischen mächtig ausgestellte Kotflügel mit ordentlich großen Rädern. In der Praxis ist es allerdings so, als würde der Wagen den Tarnumhang von Harry Potter tragen, denn er scheint selbst mit den gut sichtbaren Carbon-Teilen nahezu unsichtbar zu sein. Kaum jemand dreht sich um, und erst recht zückt niemand sein Smartphone, um das in Deutschland sehr seltene Coupé zu fotografieren. Unauffälliger kann man so ein politisch absolut unkorrektes Auto wohl nicht fahren, denn im Gegensatz zum ebenfalls von uns getesteten BMW i8 spricht einen auch niemand an. Was das schöne Coupé eigentlich nicht verdient hat.

Auf der Autobahn sieht das allerdings ganz anders aus. Hier sorgen die breite und geduckte Silhouette, der gewaltige Schlund und die aggressiv gestalteten LED-Tagfahrlichter offenbar für eine gehörige Portion dessen, was man Überholprestige nennt. Vor dem zügig bis schnell fahrenden RC F leerte sich die linke Spur fast wie von Geisterhand, und teilweise wurden sogar anstehende Überholvorgänge abgebrochen. Am vergangenen Donnerstag, der in allen Bundesländern vom Startort bis nach Franken ein Feiertag gewesen ist, sorgte das auf der erstaunlich leeren A3 für ein extrem schnelles Vorankommen. Das Navigationssystem des Fahrzeugs zeigte beim Losfahren eine erwartete Ankunftszeit gegen 18:00 Uhr an (3,5 Stunden), das Ziel nach etwas über 300 km wurde trotz zahlreicher Baustellen und einer ausgedehnten Pause aber bereits um 17:15 Uhr erreicht.

Innenraum, Platzangebot:

Von außen macht der RC F eine durchaus gute Figur, auch wenn es kaum einer bemerkt. Im Innenraum setzt sich das fort, denn auch hier finden sich diverse sportliche Attribute. Farbige Ziernähte, Sportsitze, ein sehr kompaktes (nicht abgeflachtes) Lenkrad und auch Edelstahl-Pedale zählen dazu. Bei der Fahrt besonders auffällig ist die zentrale Anzeige hinter dem Steuerrad, die an den sündhaft teuren Supersportwagen Lexus LFA angelehnt ist, von dem von 2010 bis 2012 in 500 Exemplare gebaut wurden. In der Mitte dominiert ein runder Bildschirm, auf dem der Drehzahlmesser mit einigen Zusatzinformationen zu sehen ist. In die rechte Ecke ist ein (viel zu) kleiner Tacho gequetscht, der wie beim ebenfalls getesteten Toyota GT86 eigentlich überflüssig ist, weil in der Mitte ohnehin immer auch die Geschwindigkeit angezeigt ist. Links befindet sich ein weiterer Monitor, der weitere Daten liefert und bei Bedarf sogar die auftretenden G-Kräfte anzeigt.

Auf den ersten Blick wirken die verwendeten Materialien sehr hochwertig und alles scheint sehr gut verarbeitet zu sein. Bei genauerem Hingucken entdeckt man aber an mancher Stelle nicht ganz so schön wirkende Kunststoffe, etwa in den Türverkleidungen, die teilweise sogar sichtbare Grate haben. Das ist natürlich Jammern auf (sehr) hohem Niveau, doch wer sich mit Audi, BMW und Mercedes messen will, sollte in dieser Preisklasse bei den Kleinigkeiten nicht patzen. Dazu zählt leider auch, dass die zwar sehr bequemen und überaus langstreckentauglichen Sitze ein paar mehr Einstellmöglichkeiten vertragen dürften, etwa bei der Weite der Sitzwangen oder der Länge der Sitzfläche. Dafür fühlen sich vorne aber auch Personen über 1,90 m ausgesprochen wohl.

Hinten sieht das naturgemäß ganz anders aus, denn dort finden nur kleinere und halbwegs gelenkige Personen Platz. Und das auch nur dann, wenn der Vordermann eher ein „Sitzzwerg“ ist. Wie bei vielen Coupés sind die Rücksitze also eher für Gepäck als für Menschen geeignet. Dabei wäre das eigentlich gar nicht erforderlich, denn der Kofferraum ist erstaunlich groß und auch recht gut zugänglich. Das kleine und vielleicht sogar das große Urlaubsgepäck von zwei Personen findet also allemal Platz.

Bedienung, Infotainment:

Hier hat Lexus noch einige Luft nach oben, denn das Bedienkonzept wirkt an vielen Stellen nicht schlüssig und kann daher auch nicht ganz überzeugen. So finden sich einige Einstellmöglichkeiten, etwa für den Totwinkel-Warner, versteckt links neben dem Lenkrad, während ähnliche Funktionen wie der Spurhalteassistent direkt am Lenkrad bedient werden. Gewöhnungsbedürftig ist auch die „Über-Kreuz-Bedienung“: die Angaben im erwähnten Zusatzmonitor links neben dem Drehzahlmesser werden mit Bedienelementen auf der rechten Seite des Lenkrads gesteuert, während Lautstärke, Titelsprung etc., die im Monitor rechts vom Lenkrad angezeigt werden, auf der linken Seite des Lenkrads geregelt werden. Zudem erscheint es unlogisch, dass zahlreiche Einstellungen während der Fahrt angepasst und geändert werden können, andere jedoch nur bei stehendem Fahrzeug.

Größtes Ärgernis ist aber das Touchpad in der Mitte, mit dem beispielsweise Eingaben im Navigationssystem gemacht werden. Trotz (oder vielleicht auch wegen) haptischer Rückmeldungen sind Eingabe und Steuerung relativ schwierig. Zwar gewöhnt man sich mit der Zeit an diese Methode, wodurch das System um einiges flotter genutzt werden kann, doch Fehleingaben inklusive unnötig komplizierter Korrekturen sind auch dann noch deutlich wahrscheinlicher, als bei den Systemen der deutschen, aber auch englischen und italienischen Mitbewerber.

Diese Komplexität findet sich auch beim Multimedia-System des Lexus wieder. Immer wieder kommt man an Bedienpunkte, die nicht gerade logisch wirken. Und es gibt auch einige Punkte, die richtig ärgerlich sind. Dazu zählt beispielsweise die Anzeige von Tempolimits, die absolut unzuverlässig arbeitet und in den meisten Situationen vollkommen falsche Werte liefert. Begeistern kann hingegen das optionale Soundsystem von Mark Levinson, das 835 Watt, 17 Lautsprechen und Surround-Sound bietet. Der Klang ist gleichermaßen rein wie satt und nach unserem Dafürhalten um einiges besser, als das hochgelobte, aber letztlich nicht ganz überzeugende Soundsystem im Tesla Model S. Besonderes Highlight ist die Wiedergabe von (Musik-)DVDs, die echten 5.1-Sound ermöglichen. Einziger Haken: es wird lediglich Dolby Digital unterstützt, Tonspuren in DTS bleiben leider außen vor.

Ausblick auf Teil 2:

Bislang hat der Lexus RC F einen größtenteils (sehr) positiven Eindruck hinterlassen. Negative Aspekte wie die etwas verworrene Bedienung lesen sich am Ende gravierender, als sie es im Alltagsbetrieb sind. Und ganz ehrlich: wichtig ist doch eher, wie sich das Auto fährt. Und da darf man sich bereits auf den nächsten teil unseres Testberichts freuen, denn auf insgesamt 1.414 km konnte der RC F eindrucksvoll zeigen, was in ihm steckt. Doch ganz frei von Kritik ist das Gebotene dennoch nicht.

Update, 22.06.2017, 16:46 Uhr: Hier geht es zum Teil 2 des Testberichts.

Meinung des Autors

"Früher" war es einfach, einen sportliches Reise-Coupé zu bauen: dicker Motor, Heckantrieb - fertig. Heutzutage ist das oftmals etwas komplizierter, denn zumeist kommen Turbolader und Allradantrieb ins Spiel. Da wirkt ein Fahrzeug wie der Lexus RC F herrlich anachronistisch, denn er besinnt sich tatsächlich auf die alten Tugenden, wie unser Test zeigt.

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