Langstrecken-Test des Tesla Model S durch Autoextrem - 1. Tag

22.01.2016 15:57 Uhr | geronimo

22.01.2016, 16:57 Uhr:
In den nächsten drei Tagen werde ich über unseren ausführlichen Test des Elektrofahrzeugs Model S des amerikanischen Herstellers Tesla berichten. Das Fahrzeug wurde heute Mittag in Düsseldorf abgeholt. Nach kurzer Einweisung ging es los. Am 1. Tag liefere ich allgemeine Eindrücke und erste Erfahrungen

Die nächsten 3 Tage bin ich mit einem schneeweißen Model S P90D (Bild oben) unterwegs, das bereits mit einem E-Kennzeichen versehen ist. Das D in der Modellbezeichnung steht für „Dual Drive“ und bezeichnet somit den Allradantrieb, der bei einem Elektroauto nicht über einen gemeinsamen Antriebsstrang für Vorder- und Hinterräder realisiert wird, sondern über zwei getrennte Elektromotoren an den Achsen. Das P wiederum bedeutet „Performance“. Persönlich denke ich, dass es eher für „penis enlargement“ steht, denn bei dieser Version sinkt die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h von 4,4 Sekunden auf nur noch 3,3 Sekunden. Das ist zwar durchaus beeindruckend, muss mit einem Aufschlag von aktuell 22.300 Euro aber sehr teuer bezahlt werden.

Zudem wird dieser Zeitvorteil mit einer Reichweitenverkürzung um immerhin 7 Prozent erkauft. Das kann dadurch ausgeglichen werden, dass für weitere 3.300 Euro die Reichweitenverlängerung mitbestellt wird, bei der die Kapazität des Akkus von 85 auf 90 kWh angehoben wird (dafür steht die 90 in der Modellbezeichnung). Um also die bessere Beschleunigung nutzen zu können und gleichzeitig auf die gleiche Reichweite wie beim Modell 85D ohne P davor zu kommen zu kommen, müssen stolze 25.500 Euro an Tesla überwiesen werden. Es dürfte sich demnach um eine der teuersten Sekunden in der Automobilgeschichte handeln.

Doch es geht noch weiter, denn mit an Bord ist das „Beschleunigungs-Upgrade“. Für weitere 11.100 Euro sorgt dieses dafür, dass aus den genannten 3,3 Sekunden 3,0 werden und die Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h um 20 Prozent früher erreicht wird. Für mich taugen diese Werte gerade bei einem Elektroauto eher zum prahlen am Stammtisch, denn nutzen lässt sich das im Alltag so gut wie nie.

Aber wenn es schon mal da ist, muss es natürlich auch getestet werden. Das konnte ich tun und das Ergebnis ist zugegebenermaßen atemberaubend: so muss es sich anfühlen, wenn man aus einer Kanone geschossen wird. Das so aufgerüstete Tesla Model S beschleunigt beispielsweise um 0,3 Sekunden schneller als der von uns ebenfalls bereits getestete McLaren 650S, allerdings ohne dessen „Anfahrschwäche“ auf den ersten Metern. Die Beschleunigung aus dem Stand ist so brachial, dass trotz versuchtem Gegenhalten der Kopf an die Kopfstütze knallt – ohne diese wäre ein Schleudertrauma fast vorprogrammiert (Ok, das ist etwas übertrieben).

Dass das Ganze dann nahezu lautlos vonstatten geht, lässt die explosionsartige Beschleunigung noch surrealer wirken, als bei jedem anderen vergleichbar starken Fahrzeug. Doch zu oft sollte man die Leistung nicht abrufen, denn die Materialbelastung ist bei solchen Werten natürlich enorm. Und die Reichweite schmilzt durch ausnutzen der Kraft schneller als ein Schneemann am Äquator.

Update, 05.02.2016, 18:04 Uhr: Inzwischen wurde ein Artikel zum Performance- und Beschleunigungs-Upgrade veröffentlicht, der die obigen Aussagen zumindest teilweise relativiert.

Nach der Abfahrt am Übergabeort ging es erst einmal in Richtung Niederlande. Dies sollte dazu dienen, um zu testen, wie die grenzübergreifende Nutzung der integrierten Mobilfunkkarte funktioniert. Und hier gibt es durchaus Defizite zu vermelden, denn nach der Grenzüberquerung brach die Verbindung ins deutsche Mobilfunknetz erwartungsgemäß ab, doch bis eine Verbindung ins holländische Netz aufgebaut war, dauerte es mehrere Minuten. Der seit dem Update auf Software 7.1 verfügbare Musikdienst Spotify konnte in der Zeit natürlich nicht genutzt werden, womit man aber dank Alternativen wie UKW-Radio oder Musik vom Smartphone leben kann. Etwas problematischer war allerdings, dass bei der Navigation kurzzeitig keine Straßenkarte zu sehen war, weil offenbar nicht genügend Daten von Google Earth im Cache gespeichert waren.

Bei der Navigation gab es noch ein anderes Problem. Zurück in Deutschland gab es auf der A4 Verwirrung, wo die Autobahn zwischen Düren und Kerpen (um die Erweiterung des Tagebaus Gartzweiler) eine neue Streckenführung hat. Diese wurde auf dem Satellitenbild sauber angezeigt, die Kartensoftware kannte die Strecke aber offenbar noch nicjt, obwohl diese bereits seit mehreren Monaten freigegeben ist. In der Folge motzte das Navi, dass ich in einer Sackgasse unterwegs sei, während gleichzeitig wild neue Routen neben der neuen Strecke berechnet wurden. Auch im weiteren Verlauf gab es Probleme, denn auf dem Weg zum Supercharger (SuC) Erftstadt schickte mich das Navi eine Abfahrt zu früh von der Autobahn, was in nerviges und zeitraubendes Gestöpsel durch die City zur Folge hatte. Hier ist noch Luft nach oben, doch das ist kein exklusives Problem von Tesla.

Als ich den SuC erreicht hatte, meldete sich das Fahrzeug mit einem Hinweis und schrie nach der Mutterbrust. Diesem Wunsch wird gerade entsprochen, während ich mich bei einem Schnellrestaurant in der Nähe stärke und diesen Artikel schreibe. Gleich geht es wieder auf die Autobahn und dann weiter bis zum SuC Erbshausen (Hausen) bei Würzburg. Auf diesem Abschnitt darf ich es erst einmal nicht so krachen lassen, denn noch weiß ich nicht, wie zuverlässig die Reichenweitenanzeige arbeitet und wie weit ich mit welcher Lademenge komme. Da der geplante Abschnitt über 300 km beträgt, ist also erst einmal schonende Fahrweise angesagt. Aber auf der A3, wo sich eine Baustelle an die andere reiht, passiert das fast schon zwangsläufig. Wie es weitergegangen ist, werde ich im Lauf des Abends in einem Update mitteilen.

Update, 22.01.2016, 21:52 Uhr: Als ich nach dem Imbiss zum Auto zurück gekommen bin, war „mein“ Model S nicht mehr alleine, denn mir gegenüber parkte ein ebenfalls weißer Bruder. Nach kurzer Unterhaltung setzte er seinen Weg fort, während gleichzeitig ein schwarzes Model S zum aufladen kam. Als ich dann wenige Minuten später aufgebrochen bin, kam bereits der nächste, im Gegensatz zu den beiden anderen mit deutschem Kennzeichen kam dieser aus Frankreich. Durchaus eine eindrucksvolle Aneinanderreihung. Danach ging es aber nicht ganz so nett weiter, denn bereits nach kurzer Fahrt wurde mir klar, dass der geplante Weg nicht zu schaffen ist.

Zumindest nicht in einem Tempo, dass man als halbwegs angemessen betrachten kann. Die niedrigen Temperaturen und das nicht unbedingt günstige Streckenprofil forderten Tribut, weswegen ich einen knapp 20-minütigen Zwischenstopp in Wiesbaden eingelegt habe. Der Bordcomputer zeigte an, dass dies mehr als ausreichend sei, um die restliche Strecke ohne Probleme zu bewältigen. Aber das war leider nicht ganz richtig, denn bereits nach kurzer Zeit mit nicht mehr als 130 km/h kam die Einblendung, dass die Geschwindigkeit besser reduziert werden solle. Zuerst wurden 110 km/h empfohlen, kurze Zeit später sogar nur Tempo 100, um am Ziel anzukommen. Mit etwas mehr Zurückhaltung relativierte sich das – bis zu einer langen Steigung. Dort brach die verfügbare Restreichweite förmlich ein, was mich kurzfristig tatsächlich auf 100 festgenagelt hat.

Da ich aber das Streckenprofil halbwegs kenne und eine weitere Baustelle wartete, konnte ich zwischenzeitlich etwas schneller fahren. Nach der Ortsdurchfahrt von Würzburg mit mit erlaubten 50 km/h war ich dann für die letzten km wieder dick im Plus, was ich mit 180 km/ noch einmal ausgenutzt habe. Mit 10 km Restreichweite bin ich dann am SuC Gramschatzer Wald angekommen, wo jetzt kräftigst aufgetankt wird. Währenddessen schreibe ich dieses Update und stärke mich mit einem Essen.

Aufgrund der bisherigen Erfahrung und der angesagten hohen Minusgrade werde ich die Ladezeit noch ein wenig ausdehnen. Gleichzeitig wird der morgen Mittag geplante Ladestopp in Weimar wahrscheinlich vorverlegt und bereits am SuC Zella-Mehlis erfolgen. Dort will spätestens um 11:30 Uhr eintreffen. Vorher wird es aber noch eine Statusmeldung in Form des Artikels für den 2. Tag geben, in der ich dann erstmals auf den Autopilot eingehen, den ich heute bereits ausführlich getestet habe. Bis dahin gute Nacht… ;o)

Update: hier geht zum 2. Tag.

Meinung des Autors

Autoextrem ist unterwegs mit dem Tesla Model S. Hier unser Erfahrungsbericht vom 1. Tag, der später noch ein Update erhält.
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