Lamborghini Urus: Fahrbericht des Sportwagen unter den SUVs

16.10.2018 11:27 Uhr | geronimo

Hersteller wie Porsche oder Jaguar verdienen schon lange gutes Geld mit ihren sportlich ausgelegten Geländewagen. Lamborghini ist da eher ein Spätzünder, denn erst seit diesem Jahr hat man ebenfalls einen aufgebockten Fünftürer mit satter Leistung im Angebot. Von dessen Qualitäten konnten wir uns im Rahmen einer kurzen Ausfahrt ein eigenes Bild machen

Die erste Begegnung mit dem neuen Urus fand mit einem Metallic-grauen Fahrzeug statt. Der ausgewählte Farbton sorgte dafür, dass die Konturen des expressiv und mit vielen Kanten gestalteten Sport-SUV an vielen Stellen verschluckt wurden, und auch die Größe wurde dadurch kaschiert. Wenn es das Anliegen des künftigen Besitzers gewesen sein sollte, ein politisch dermaßen unkorrektes Fahrzeug geschickt zu tarnen, ist der Plan zumindest teilweise aufgegangen. Beim unserem „Testfahrzeug“ sah das ganz anders aus, denn dessen knalliges „Postgelb“ unterstreicht die Details der zackigen Linienführung überaus eindrucksvoll. Das ganze wirkt aber in Natura längst nicht so polarisierend, wie es manche Fotos des perfekt zur Designlinie der Italiener passenden Fahrzeugs vermitteln.

Im Innenraum sieht es deutlich anders aus. Zwar finden sich auch hier zahlreiche Gestaltungselemente der echten Sportwagen, doch es gibt einen gewaltigen Unterschied zu diesen eher extremen Autos. Gemeint ist das Platzangebot, denn im immerhin 5,11 Meter langen Urus geht es erstaunlich luftig zu. Und das auch auf den hinteren Plätzen, die mit ordentlicher Beinfreiheit glänzen. Über den Köpfen wird es dann aufgrund der abfallenden Dachlinie etwas enger, woran das optionale Panoramadach seinen Anteil hat. Der wichtigste Platz ist natürlich vorne links, und da fühlt man sich auf Anhieb wohl. Das liegt auch an den guten Sitzen, die mit relativ wenigen Handgriffen eine sehr gute Sitzposition ermöglichen.

Die Bedienung ist größtenteils selbsterklärend. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn zahlreiche Elemente des Infotainment-Systems und die diversen Assistenten stammen aus den Regalen von Volkswagen, und werden in ähnlicher Form auch bei Audi oder anderen Konzernmarken verwendet. Einige Schrulligkeiten leistet man sich dann aber doch. Das ist beispielsweise beim Wechsel des Fahrprogramms von Sport zu Straße (Strada) der Fall, denn dabei muss der entsprechende Hebel fünfmal gezogen werden, weil dieser nur in der Richtung abwärts arbeitet. Und bei der Umstellung auf manuelle Schaltung über die Schaltwippen wird kein großer Wahlhebel mit einer lässigen Handbewegung nach links geschoben, sondern es muss eine ziemlich kleine Taste auf einem unnötig klobigen Bedienelement getroffen und gedrückt werden.

In diesem Bauteil findet sich auch der hinter einer Abdeckung wie im Kampfjet verborgene Start-Stopp-Knopf (noch so eine Eigenheit). Dessen Betätigung lässt den oben angesprochenen Plan der Tarnung aber ziemlich bald im wahrsten Sinne in Rauch aufgehen. Doch der Reihe nach. Der gerade einmal vier Liter große Biturbo-V8 brabbelt im Leerlauf leise vor sich hin. Sobald man im normalen Alltagsprogramm losfährt, steigert sich die Geräuschentwicklung kaum. Selbst bei einem ersten Abrufen der immerhin 478 kW / 650 PS und 850 Nm Drehmoment hält sich der „Lambo“ noch dezent zurück. Das zeigt sich auch bei gehobenem Tempo auf der Autobahn, wo der höherliegende Sportwagen unvermutete Langstreckenqualitäten offenbart. Mit dem dezenten Auftreten ist es aber spätestens dann vorbei, wenn der italienische Stier auf dem Drehzahlmesser mehr als 4.000 Umdrehungen anzeigt.

Noch stärker ausgeprägt ist – je nach persönlicher Sichtweise – der Klang oder Lärm, wenn das Sportprogramm gewählt wird. In diesem Fall wird die Drehzahl durch einen niedrigeren Gang erhöht, Lenkung und Fahrwerk werden gestrafft, und der Motorsound wird präsenter bis hin zu kreischend laut. Im Innenraum bleibt der „Krach“ aber (fast) immer auf einem erträglichen Niveau, so dass auch längere Fahrten in diesem Modus absolviert werden können. Das sollte man dann am besten auf einer Landstraße tun, denn das italienische SUV ist nicht nur geradeaus schnell. Empfehlenswert sind dabei vor allem solche Straßen, bei denen die Kurvenradien eher großzügig ausgelegt sind. Der Lamborghini Urus ist dank reichlich Karbon zwar um einiges leichter als seine Plattform-Brüder Audi Q7, Bentley Bentayga und Porsche Cayenne, doch ein Leergewicht von immerhin 2.200 kg ohne Zusatzausstattung lässt sich in engen Kehren (und schnell gefahrenen Autobahnausfahrten) nun mal schlecht wegdiskutieren.

Fazit: Fernab jeder Umweltdiskussion muss man feststellen, dass Lamborghini mit dem Urus ziemlich viel richtig gemacht hat. Dieser vereint die sportlichen Gene der Traditionsmarke und ein ordentliches Maß an Alltagstauglichkeit in einem Fahrzeug, was es bei den Italienern seit dem bis 1978 gebauten Espada nicht mehr gegeben hat. Schon bald dürfte das SUV das meistverkaufte Modell aus Sant’Agata Bolognese sein. Und das gleichermaßen trotz und wegen seines Preises, denn das nahezu vollständig ausgestattete und hochwertig verarbeitete Testfahrzeug hat einen Listenpreis von 250.000 Euro – was einerseits natürlich extrem viel Geld ist, im Vergleich mit manch anderem Angebot der Marke aber fast schon als Schnäppchen bezeichnet werden kann.

(Vielen Dank an Bentley Köln für die Unterstützung)

Meinung des Autors

Wer den neuen Lamborghini Urus als vom Aussterben bedrohten Dinosaurier bezeichnet, hat recht. Diese Entwicklung kann man je nach eigener Perspektive begrüßen oder bedauern. Wer zur letztgenannten Fraktion zählt, darf sich dahingehend freuen, dass es solche Autos aktuell noch gibt - und dass der Urus dabei auch noch ziemlich viel Spaß macht.

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