Jaguar F-Pace im Test: Fahrbericht des dynamischen SUV

23.04.2016 16:09 Uhr | geronimo

Der Porsche Macan bekommt ernsthafte Konkurrenz: der seit wenigen Tagen in Deutschland erhältliche Jagar F-Pace, der dem Stuttgarter „Sportwagen unter den kompakten Geländewagen“ mächtig auf die Pelle rückt. Und das zu einem vergleichsweise günstigen Preis. Wir konnten uns bei einer Ausfahrt von den Qualitäten des Briten überzeugen, haben aber auch einiges zu kritisieren

Mit Maßen von circa 4,75 m Länge, 1,95 m Breite und 1,65 m Höhe sowie einem Gewicht von unter 2 Tonnen ist der F-Pace genau auf dem Niveau des auf dem Audi Q5 basierenden Macan. Genau wie dieser will er reichlich Dynamik in eine Fahrzeugklasse bringen, in der Querbeschleunigung sonst nicht unbedingt im Lastenheft steht. Doch ein Jaguar wäre kein Jaguar, wenn er dies nicht auch mit einer gewaltigen Portion Stil und Luxus kombinieren würde. Ob dies gelingt, soll unser nachfolgender Bericht klären.

Karosserie:

Unbestreitbar: der F-Pace macht eine gute Figur. Beim direkten Kontakt wirkt er aufgrund seiner Abmessungen inklusive der hoch aufragenden Front zwar durchaus massig, strahlt dabei aber auch eine erstaunliche Leichtigkeit aus, die mit einer sonst nur von italienischen Autos bekannten Eleganz gepaart ist. Dabei wirkt der Jaguar nicht nur eigenständig, sondern passt auch hervorragend zum neuen Design der Marke, die seit einigen Jahren zum indischen Tata-Konzern gehört. Der Designer Ian Cullum hat es also tatsächlich geschafft, die große Masse schick zu tarnen, indem er auf klare und trotzdem unverkennbare Linien setzt. Doch es gibt bei Design auch Anlass zur Kritik, denn die Sicht nach hinten ist durch ein extrem kleines Rückfenster arg eingeschränkt. Extras wie Parksensoren und Rückfahrkamera gehören also zur Pflichtausstattung. Nicht ganz so schön gelöst ist auch die Unterbringung des Abstandsradars für den Tempomat, denn dieser verbirgt sich hinter einer Kunststoffplatte im Frontgrill, die zwar die Wabenstruktur des Kühlergrills aufnimmt und das Firmenlogo enthält, allerdings ziemlich auffällig sichtbar ist – dies ist bei anderen Herstellern inzwischen etwas eleganter gelöst.

Innenraum:

Unter der Motorhaube ist noch reichlich Luft für die später nachzureichenden Achtzylinder-Motoren. Trotz dieser schlechten Voraussetzungen bietet der F-Pace erstaunlich viel Platz im Inneren. Auf den vorderen Plätzen fühlt man sich trotz breiter Mittelkonsole nicht beengt, hinten kann man es dank großzügiger Kopf- und Beinfreiheit auch auf langen Strecken sehr gut aushalten. Dabei muss man sich nicht einmal beim Gepäck einschränken, denn der Kofferraum fasst stolze 650 Liter, was in dieser Fahrzeugklasse mehr als ordentlich ist. Als Designelement oberhalb des Cockpits gibt es eine von den Türen über das Armaturenbrett umlaufende Leiste, die in ähnlicher Form auch in anderen Modellen der Marke zu finden ist und hier wie dort für optische Weite sorgt. Design gibt es auch bei den massigen Türgriffen, die gut zu einem (angeblichen) Offroader passen. Doch hier wäre weniger vielleicht mehr gewesen, denn aufgrund der großen Hebel hat Jaguar leider auf die von anderen Modellen her bekannte Sitzverstellung in der Tür verzichtet. Diese ist im F-Pace am unteren Sockel der Sitze angebracht, was einen Blindflug bei der Verstellung bedeutet.

Ausstattung:

Den F-Pace gibt es bereits ab 42.390 Euro. Das ist auf den ersten Blick ein Schnäppchenpreis in dieser Klasse, doch dieser wird mit deutlichen Abstrichen erkauft. Das fängt bereits damit an, dass dieser Preis nur mit Heckantrieb erreicht wird, während es den deutlich sinnvolleren Allradantrieb erst ab 44.990 Euro gibt. Am auffälligsten ist der Verzicht allerdings beim Cockpit, das in der Basislinie „Pure“ dem Namen alle Ehre macht. Der Armaturenträger ist in diesem Fall nämlich mit aufgeschäumten Kunststoff versehen, wie man in ähnlicher Form auch bei Kleinwagen wie einem VW Polo finden kann. Zudem muss man auch auf einige klassenübliche Merkmale verzichten, was diese Version wirklich nur für Puristen interessant macht. Die standesgemäßere Ausstattung findet sich erst in der höchsten Linie, die den Namen „Portfolio“ trägt und dann ein mit Leder ausgeschlagenes Cockpit bietet. Dann allerdings werden rund 50.000 Euro fällig, was allerdings immer noch fast 6.000 Euro weniger als beim günstigsten Macan sind.

Doch damit ist längst nicht Schluss, denn eines muss man ganz klar feststellen: Jaguar hat viel von den deutschen Mitbewerbern gelernt, was optionale Sonderwünsche angeht. Die Ausstattungsliste ist lang und erfüllt fast jeden Wunsch, sorgt aber auch dafür, dass der genannte Grundpreis bei Vollausstattung auf knapp 82.500 Euro erhöht werden kann – und das immer noch in Verbindung mit dem schwächsten Dieselmotor mit vier Zylindern, 2 Litern Hubraum und 180 PS. Bei der aktuell stärksten Motorisierung im F-Pace S mit 3,0 Liter großem V6 Kompressor und 380PS lässt sich sogar Marke von 110.000 Euro überspringen, was dann ganz sicher nicht mehr zum Eingangs erwähnten Schnäppchen zählt.

Motor und Fahrwerk:

Unser Testfahrzeug war mit dem 3,0 Liter V6 Diesel und serienmäßiger Achtgang-Automatik ausgerüstet, der ab 57.690 Euro angeboten wird. Und dieses Aggregat darf durchaus als Freudenspender bezeichnet werden. Der Durchzug ist bereits aus dem Stand mehr als beeindruckend, die dieseltypische Anfahrschwäche ist diesem Motor völlig unbekannt. Und auch wenn der Wagen einmal in Bewegung ist, sorgen die 300 PS immer für genügend Vortrieb. Dabei sorgt die bereits erwähnte Automatik dafür, dass immer der richtige Gang eingelegt ist – auf die optionalen Schaltwippen am Lenkrad wird man daher eher selten zurückgreifen müssen. Deutlich zurückhaltender gibt sich der Diesel bei der Geräuschentwicklung, die allenfalls dezent wahrnehmbar ist und nie aufdringlich oder lästig wird. Daran ändert auch das über das edle Chromrad anwählbare Sportprogramm der Automatik kaum etwas, was in Zeiten von lauten Klappenauspuffen von vielen F-Pace Fahrern als sehr angenehm empfunden werden dürfte.

Angenehm ist auch das Fahrverhalten, wenn auch mit leichten und durchaus gewollten Abstrichen. Es ist erstaunlich, wie behände man den großen und schweren Wagen um Kurven dirigieren kann, wobei selbst bei voller Ausnutzung der 700 Nm Drehmoment störende Einflüsse auf die Lenkung ausbleiben und der Wagen nicht mit „den Hufen scharrt“. Diese dynamische Auslegung wird allerdings mit einer gewissen Härte erkauft, die auf schlechteren Straßen Schlaglöcher und Bodenwellen bis an die Passagiere weiterreicht. Dabei ist gelegentlich ein leichtes Poltern des Fahrwerks vernehmbar, was angesichts der motorseitigen Stille im Inneren natürlich besonders auffällt. Alles in allem ist Jaguar ein hervorragender Kompromiss gelungen, denn im F-Pace wird das Versprechen der Sportlichkeit auf jeden Fall gehalten, während gleichzeitig auch ein hoher Langstreckenkomfort geboten wird.

Fazit:

Herzlichen Glückwunsch, Jaguar, der F-Pace ist ein großer Wurf. In ihm werden Dynamik, Reisetauglichkeit und Eleganz auf trefflichste vereint. Mit diesem Paket muss man sich hinter dem Porsche Macan ganz sicher nicht verstecken, wobei dieser bei der Sportlichkeit wohl weiterhin die Messlatte ist. An Porsche und auch anderen Herstellern orientiert sich Jaguar aber leider auch bei der Länge der Ausstattungsliste, denn die auf den schnellen Blick günstigen Grundpreise relativieren sich recht schnell, wenn man bei den Extras nicht eine starke Beherrschung an den Tag legt. Der Jaguar F-Pace wird dessen ungeachtet in die Herzen vieler Kunden fahren, doch diese sollten mit einer Bestellung nicht zu lange warten, denn das für 2016 in Deutschland vorgesehene Kontingent dürfte bereits in den nächsten Wochen erschöpft sein.

Meinung des Autors

SUVs liegen im Trend, kaum ein Hersteller kann darauf noch verzichten. Jüngster Vertreter ist der Jaguar F-Pace, der mit seiner sportlich-eleganten Auslegung nur wenig Konkurrenten hat. So ziemlich der einzige ist der Porsche Macan, dem er durchaus das Wasser reichen kann. Und das nicht nur bei Fahrleistungen und Fahrverhalten, sondern auch bei der Länge der Ausstattungsliste.

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